Freitag, 16. März 2012

Das ist dein Leben hier, das ist alles von dir allein.

// Tag 2 //  


Pflichtprogram für jeden, der tagsüber nicht auf der Buchmesse unterwegs war oder sein konnte: Die Abendveranstaltungen des Literaturfestivals "Leipzig liest" oder die "Lange Leipziger Lesenacht". Zwei Stunden nach Beginn dann doch in der Moritzbastei eintreffen. Gemeinsam mit dem Star des Abends zu spät zu kommen. Praktisch, denn ohne ihn kann die Lesung eh nicht beginnen. Oberkeller 21.15Uhr. Thomas Pletzinger und Benjamin Lebert nehmen auf der Bühne Platz. Das Buch "Gentlemen, wir leben am Abgrund: Eine Saison im deutschen Profi-Basketball" [Kiepenheuer & Witsch] scheint auf den ersten Blick für Nicht-Basketball-Fans langweilig und unerschließbar zu sein. Aber Pletzinger erklärt: "Das Buch ist extra so geschrieben, dass es jeder ohne Hintergrundwissen verstehen kann. Sogar meine Oma konnte damit etwas anfangen." Tatsächlich muss das Publikum viel lachen und ein weiterer Blick lohnt sich. Viele haben auf den Augenblick gewartet, als Benjamin Lebert aus seinem Buch "Im Winter dein Herz" [Hoffmann & Campe] vorzulesen beginnt. Leise, fast schüchtern, aber mit gewaltigen Worten. Gänsehaut. Stille im Publikum. Der Satz "Gleiches mit Gleichem löst sich auf." hallt noch lang nach. Lauter Beifall. Worte über das Buch, Einsamkeit, Liebe und Geborgenheit. Ein Zögern. Das Buch in der Hand. "Entschuldigung... Benjamin. Würdest du mir vielleicht etwas in mein Buch schreiben?" "Aber gern doch. Soll ich etwas Besonderes schreiben? Einen Gruß? Kommst du hier aus Leipzig?" "Ja." "Ist das eine schöne Stadt zum Leben?" "Ja." [Oh Gott, jetzt antworte ihm doch endlich, sagt der Kopf.] "Benjamin, ich lese deine Bücher seit dem ich 15 Jahre bin. Du hast so wundervoll gelesen. Ich hatte richtig Gänsehaut. Überall." [Oh Gott, was hast du nur gesagt!] Mit rotem Kopf und weichen Knien die Bühne verlassen. Hach. Was für ein Augenblick. 22.00Uhr Veranstaltungstonne. Jasmin Ramadan liest. Die Aufmerksamkeit sinkt. Ein Grinsen. "Und mit wem bist du hier?" "Allein. Und du?" "Vielleicht auch." Weißweinschorle und Bier. Auf Treppen sitzen und versuchen der Lesung von Olga Grjasnowa zu folgen. Das gelingt nicht. Zweiter Versuch. 23.15Uhr Benjamin Stein liest aus "Replay" [C. H. Beck]. Die Augen werden größer und das Grinsen breiter. "Schau ihn dir an. Würdest du, wenn du ihn jetzt siehst, denken, dass er so etwas schreibt?" Einige räuspern sich und scharren unruhig mit den Füßen. "Was ist? Kannst du dich nicht losreißen von mir?" "Tss. Ich muss mich so weit rüber lehnen, weil der Mann vor mir so groß ist." [Gut, wer solche Sätze ohne ein Schmunzeln sagen kann.] Intensive Worte und die Blicke werden länger. Pause. Thomas von Steinaecker stellt das Buch "Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen" vor. Das Publikum ist begeistert. So sieht unsere Gegenwart aus. Wir schwanken zwischen Absicherung und Sehnsucht, Angst und Phantasie. Das alles vereint in der Person, der Renate Meißner. Zwischen Kaffeetassen und Existenz. Ende der Lesenacht. Auch diesmal bittet der Sicherheitsdienst die Besucher zum Gehen auf. Nur netter als sonst. "Wollen wir noch etwas trinken gehen?" Erkundung der Nebenstraßen auf der Karl-Liebknecht-Straße. Motor aus. Licht aus. "Ich mag das, wenn du so sprachlos bist." "Hmm. Kennst du diese Brücke da? Wo die hinführt?" Lange Blicke und Traurigkeit. "Du verstehst das nicht." Doch, schon. Vielleicht gefällt mir die Arthur-Hoffmann-Straße doch irgendwann. Auf ein Bier in Ilses Erika. Keine Erbsensuppe, dafür die riot-girls und homeboys. Vielleicht der schönste Satz am Abend: "Du vor der goldenen Tapete - mehr brauch ich nicht. Der Abend hat meine Woche gerettet." Dann schau nicht so grimmig. "Ich grins doch die ganze Zeit. Das tut schon langsam weh." Verabschiedung am Auto. Ein Blick nach oben. Tanzmusik von Preller. Küsschen für die Mädchen. Überraschungen sind doch immer wieder schön.

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