Donnerstag, 1. Dezember 2011

Nachdenken über Christa W.

Ein Anruf. "Ich habe gehört, dass Christa Wolf gestorben ist. Kann das sein?" "Was! Ernsthaft jetzt?" So ist das. Die Zeitungen des Landes titeln tatsächlich: Christa Wolf ist tot. Ingeborg Harms schreibt im Nachruf der FAZ: [KLICK]

"Der Umschlag von Schwäche in Stärke, von Gefühl in Härte war ihr Operationsmodus, mit dem sie sich bis gestern noch aus jedem Engpass befreit hat. Der Dichter Volker Braun beschrieb einmal eine Begegnung in Pankow, bei der ihm Christa Wolf gebeugt mit einem schweren Einkaufsbeutel an der Hand entgegenkam. Er nimmt ihn ihr nicht ab: „Sie schleppt die Hoffnung, denke ich dankbar und bin zu bequem; aber täuscht euch nicht, sie ist wie ein wildes Tier‘.“ Gestern morgen ist Christa Wolf im Alter von 82 Jahren in Berlin gestorben."

"Aufgewachsen als Kind mit dem Gefühl, dass nach dem Regime der Nationalsozialisten alles besser und anders werden muss, ist die DDR die attraktive Alternative und Heimat. Als junge Frau überzeugt von dem Ideal eines sozialistischen Staates, noch voller Engagement bei dessen Aufbau und Rettung. Sie pflegt ein vertrautes, familiäres Verhältnis zum Staat, geprägt durch Privilegien. Doch Ernüchterung und Zurückweisung folgen, denn die Probleme Druckgenehmigungen für ihre Bücher zu bekommen werden immer schwieriger. Sie weiß von den Diktaturstrukturen, der Unterbindung eines kritisch denkenden Charakters, dem Freiheitsentzug - aber kann den Staat nicht verraten, weil sie ihn wie viele andere Intellektuelle verändern und reformieren will und die Angst vor der Übernahme des Kapitalismus zu groß ist. Ein letzter Rest von einem Glauben an den Staat, an den alle geglaubt hatten. Ihr größter Vorwurf: Wie kann ein Mensch so authentisch die psychisch aufreibende Überwachung der Staatssicherheit beschreiben, wenn er sie nicht selbst erlebt hat und dabei noch ein Mitgefühl für die Spitzel entwickelt. „Was bleibt“ ist nicht nur das verkürzte Schlusszitat aus dem Gedicht „Andenken“ von Hölderlin, der Titel eines bedeutenden Werkes von Christa Wolf und der deutschen Wende-Literatur, der stille Aufruf an die Leser über ihre eigene Vergangenheit nachzudenken, sondern was bleibt, ist die Zukunft."
[Auszug aus: "Buchgeschichten. Wege zur Weltliteratur.", "Der geteilte Himmel der Wiedervereinigung"]

[via hvorecky] Foto: Ullstein/Köppe

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